Ein Tag meines Lebens!

Ich stehe auf einer Bühne und bin vollkommen nackt. Ich habe meine Kleider vergessen. Verdammt! „Willkommen, meine Damen und Herren. Ich bin Philipp Weber. Eine kleine Frage vorweg: Äh…!“ Ich habe meinen Text vergessen. Verdammt! Verdammt! Der Veranstalter kommt mit einer Axt auf die Bühne. Verdammt! Verdammt! Verdammt!

10:14 Es klingelt. Das Telefon. „Herr Weber, hier ist die Rezeption. Es ist 10.14!“ Wie, was, warum? „Äh, schön, aber ich wollte gar nicht geweckt werden!“ „Ja, aber Check out ist bei uns zehn!“ Um zehn? Ist das hier ein Militärinternat? „Oh. Sorry. Ich bin gleich weg! Können Sie mir kurz sagen, in welcher Stadt ich bin!“ Köln, soso…

10:15 Es klingelt wieder. Meine Freundin. „Du hörst dich so verknoddert an. Schläfst du etwa noch, Philipp?“ „Quatsch, ich bin schon ewig wach!“ Seit einer Minute und 32 Sekunden. „Wo bist du noch mal?“ „Köln!“ „Wo spielst du heute?“ „Frankfurt!“ „Bist du sicher? Kannst du mal auf deiner Website nachgucken? Hier steht nämlich Hannover!“ Wusste ich’s doch…

10:16 Es klingelt nochmal. Meine Mutter. „Kommst du heute vorbei?“ „Äh, eigentlich nicht!“ „Wo bist du?“ „Köln!“ „Wo musst du hin?“ „Hannover!“ „Das liegt doch praktisch auf dem Weg!“ (Meine Eltern leben in Amorbach im Odenwald…) „Oh, Mama, das würde aber eng werden!“ Schweigen. Das Schweigen meiner Mutter. „Klar, Mama, ich eile!“

10:17 Jetzt klopft der Zimmerservice. Osteuropäischer Akzent, gestrenger Tonfall: „Iss Zimmärr frei?“ „Sag mal, habt ihr sie noch alle? Was soll dieser verdammte Terror. Lasst mich doch erstmal wach werden. Ich bin Künstler, Langschläfer, Morgenmuffel. Warum akzeptiert mich eigentlich niemand so wie ich bin? Was habe ich euch allen denn angetan?“ Schreie ich. Innerlich.

10:31 Kaffee! Zu allererst brauche ich Kaffee. Ich bin süchtig nach dem heißen, schwarzen, geilen Stoff. „Kaffee dehydriert den Körper nicht, ich wäre sonst Staub“. Sagt Kafka. Ein Koffein-Junkie wie ich. Vor dem Hotel lasse ich meinen Blick über das idyllische Industriegebiet schweifen: eine Autowaschanlage, ein Matratzen-Großhandel und … eine Aral-Tankstelle! Das wird mein Frühstück: Kaffee aus dem Automaten und Billig-Brötchen. Immer Brötchen. Kabarettist ist eine Lebensform, die auf Brötchenbasis existiert. Morgens Hotel-Brötchen, mittags Bahnhofs-Brötchen, abends Theater-Brötchen. Nach einer 6-Tages-Tour könnte ich für eine Schwarzbrot-Stulle töten.

10:45 Sobald ich die Türen meines CITROËN Berlingo öffne, begrüßt mich das helle, fröhliche Klappern von PET-Flaschen, die über den Asphalt purzeln. Oh, ich sollte mal das Leergut abgeben, würde sicher das Schalten erleichtern. Mein Auto ist mein Wohn-, Arbeits- und manchmal sogar Schlafzimmer. Auch wenn die Dreckskarre von innen eher aussieht wie eine rollende Müllhalde.

12:01 Ich fahre Richtung Heimat. Nein, ich STEHE mit der Kühlerhaube Richtung Heimat. Stau. Im Stau mache ich alles: korrespondieren, recherchieren, planen, schreiben. Dafür kutschiere ich immer eine gesamte Bibliothek mit mir rum. Gerade sind es zirka 120 Ausgaben der Stiftung Ökotest. Auf der A3 Richtung Frankfurt habe ich meine besten Ideen für meine Shows. Wenn man die Nerven behält, ist ein Stau gar nicht so schlimm. Ich beiße ins Lenkrad.

13:02 Ich FAHRE wieder. Das Leben als Kabarettist ist ein ständiger Kampf gegen die Zeit. Das ewige Spiel: Ein Mensch versucht in Deutschland von A nach B zu kommen. Und Bahn, Verkehr, Wetter, Harndrang und andere Erscheinungsformen des Teufels versuchen ihn daran zu hindern. Ich muss jetzt meine Eltern anrufen, mit einem Besuch wird’s viel zu knapp. Meine Familie hat für so was immer Verständnis! „Hallo Vater!“ „Wo bleibst du denn, Philipp? Die Mama wartete doch auf dich!“ Ein Blick auf mein Navi: noch 43 Minuten! Das hat ja fabelhaft geklappt…

13:45 Ich passiere das Ortschild: Amorbach! Du Perle des Odenwaldes und Hort meiner Jugend. Mein erster Kuss, mein erster Auftritt, mein erster Mittelhandbruch. Meine Eltern: „Du siehst müde aus!“ „Hmpf…“ „Du musst langsam tun!“ „Hmpf…“ „Schläfst du genug?“ „Hmpf…“ Für Vater Gartenlaub auf den Kompost tragen. Küsschen rechts, Küsschen links.

14:01 Zurück im Auto Richtung Würzburg. Dort will ich parken und auf die Bahn umsteigen. Das hat den Vorteil, dass ich die langen Strecken, also Hannover – Berlin – Kassel mit dem Zug fahren kann, aber dennoch Samstagnacht mit dem letzten Zug nach Würzburg zurückkomme, wo ich dann mit dem Auto nur noch zwei Stunden nach Tübingen brauche. So muss ich nicht in Kassel übernachten, wer will das schon. So eine ausgedachte Route klappt nur mit dem Handy. Da sind alle wichtigen Daten und mein Tourplan drauf. Wo ist übrigens das blöde Ding? Das letzte Mal habe ich es auf dem Esstisch meiner Eltern gesehen. Ich wende den Wagen …

15:29 Ich sitze schwitzend und keuchend im Zug nach Hannover und mache gymnastische Übungen. Dieser verdammte Koffer! Der Brezelverkäufer ist mit mir zugestiegen – einen Sherpa der DB hätte ich nötiger gebraucht. Sagte ich „Koffer“? Ach was, ein Schrank, Sarg, Betonblock! Mit 100 Stück von den Dingern kann man eine Gizeh-Pyramide nachbauen. Meine Reisebegleitung: Klamotten für fünf Tage, Requisiten für zwei Programme, eine Mikrofonanlage, Promo-Material in Form von 30 Büchern, 20 CDs, 10 T-Shirts und 5 Packen Postkarten sowie weitere Utensilien… Gut, die 25 Ausgaben von Stiftung Ökotest hätte ich mir sparen können. Ein Gramm mehr und mein Koffer erleidet einen Gravitationskollaps.

17:53 Im Taxi Richtung Veranstaltungsort. Es ist eine Schule irgendwo außerhalb Hannover. Der Fahrer meint, das wären mindestens 10 Kilometer. Ich glaube ihm kein Wort. Gott sei Dank hat mein Handy ein Navi. Akku alle. Ich seufze schicksalsergeben.

18:31 Soundcheck ist gemacht und ich harre in einem Klassenzimmer der Menschen, die kommen werden. Als Garderobe hatte ich schon: Weinkeller, Abstellkammern und das Deck eines Schiffes bei Regen (Kein Witz!). Einmal wurde mir von einem grimmig-niederbayrischen Gastwirt ein Stuhl zwischen Spülmaschine und Fritteuse zugewiesen. In diesem Beruf lernt man Demut. Ich beiße in meine Brötchen.

19:15 Ich bin vor Auftritten kein ängstlicher Typ. Ich würde das zugeben. Vor Fernsehauftritten vielleicht. Aber hier? Nein. Alles cool. Ich räkel mich nochmal in meine Liege, die ich mir aus drei Holzstühlen gezaubert habe. Soll ich Text nochmal machen? Ach, Quatsch!

19:45 Ich beginne im Raum auf und ab zu laufen.

19:52 Ich beginne zu schwitzen.

19:54 Ich beginne zu zittern.

19:56 Mein Atmen setzt aus. Wie war der Text nochmal? Jetzt ganz ruhig bleiben. Keine Panik.

20:00 Schritte auf dem Flur. Sie kommen mich zu holen. Wo ist der Notausgang? Einfach aus dem Fenster springen? Über den Hof rennen und dann Taxi rufen? Verdammt, mein Akku ist ja leer.

20:02 Der Henker klopft an meine Türe. „Herr Weber, sind Sie soweit?“ Neeeein!!! „Ja.“

20:03 Sobald ich die Bühne betrete, ist alles weg. Stress, Hektik und Nervosität. Die Leute sind gut drauf, so was merke ich sofort. Warmer Applaus, fröhliche Gesichter. Ich mache die Arme auf und lasse mich fallen. In diesem Moment bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Ich atme ein, ich atme aus: „Willkommen, meine Damen und Herren. Ich bin Philipp Weber. Eine kleine Frage vorweg: Haben Sie genug zu trinken?“

Wer hier ein Curriculum Vitae erwartet hat, wird im Pressematerial fündig.

Wer mehr Lesestoff will, den lade ich ein, meinen Blog zu besuchen.